Peter Wohlleben
Die unsichtbaren Helfer des Waldes
Wenn von Wäldern die Rede ist, denken die meisten Menschen an Bäume, Tiere oder Pilze. Peter Wohlleben lenkte am vergangenen Mittwochabend im ausverkauften Gasometer den Blick dagegen auf eine oft übersehene Lebensgemeinschaft mit zweifelhaftem Ruf: die Bakterien. Seine zentrale These lautet, dass Wälder nur deshalb funktionieren, weil Milliarden von Mikroorganismen mit den Bäumen zusammenarbeiten – und damit sogar das Klima beeinflussen.

Die Geschichte beginnt vor mehr als zwei Milliarden Jahren. Cyanobakterien entwickelten die sauerstoffbildende Fotosynthese und lösten damit die sogenannte Große Sauerstoffkatastrophe aus. Der damals entstehende Sauerstoff veränderte die Atmosphäre grundlegend und schuf die Voraussetzung für komplexes Leben. Diese Entwicklung gilt heute als wissenschaftlich gut belegt.
Wohlleben beschreibt Bakterien jedoch nicht nur als historische Wegbereiter des Lebens. Sie seien bis heute unverzichtbare Partner der Bäume. Im Boden versorgen sie Pflanzen mit Nährstoffen, schützen ihre Wurzeln vor Krankheitserregern und unterstützen sie bei Trockenstress. Tatsächlich zeigt die aktuelle Forschung, dass das Mikrobiom von Bäumen entscheidend zu ihrer Gesundheit und Widerstandskraft beiträgt. Wissenschaftler sprechen inzwischen vom Baum als „Holobionten“ – einer Lebensgemeinschaft aus Baum und seinen Mikroorganismen.
Besonders spannend war Wohllebens Darstellung des Wasserkreislaufs. Bestimmte Bakterien dienen als Kondensationskeime, an denen sich Wassertröpfchen und Eiskristalle bilden. Gemeinsam mit der Verdunstung der Wälder fördern sie die Wolkenbildung und damit den Niederschlag. Wälder wirken dadurch nicht nur als Kohlenstoffspeicher, sondern beeinflussen aktiv regionale Klimaprozesse. Auch wenn die genauen Zusammenhänge noch erforscht werden, gilt der Einfluss von Waldökosystemen auf den Wasserhaushalt inzwischen als bedeutender Baustein der Klimaforschung.

An einigen Stellen geht Wohlleben bewusst weiter als der wissenschaftliche Konsens. So diskutiert er, ob Bakterien über Formen von Lernen oder sogar Bewusstsein verfügen. Zwar können Mikroorganismen miteinander kommunizieren, Informationen austauschen und ihr Verhalten an Umweltbedingungen anpassen. Ob dies jedoch als Bewusstsein bezeichnet werden kann, bleibt unter Forschenden umstritten.
Die wichtigste Botschaft seines Vortrags bleibt dennoch bestehen: Wer Wälder schützen will, muss weit mehr im Blick haben als nur die Bäume. Unter jedem Schritt verbirgt sich eine kaum sichtbare Welt aus Milliarden Mikroorganismen, die Nährstoffe bereitstellt, Krankheiten bekämpft, Wasserkreisläufe stabilisiert und den Wald widerstandsfähiger gegen den Klimawandel macht. Ohne diese kleinen Helfer gäbe es den Wald, wie wir ihn kennen, vermutlich nicht.
Nach dem informativen und kurzweiligen Vortrag hatte das Publikum noch die Möglichkeit viele der im angesprochenen Themen anhand von Ausstellungsexponaten in „Mythos Wald“ aus einem weiteren Blickwinkel zu erfahren. Zudem lockte noch der abendliche Rundblick vom Dach des Gasometers über das westliche Ruhrgebiet.
Von Mikroorganismen zu globalen Zusammenhängen

Wohllebens wichtigste Botschaft lautet: Ein gesunder Wald regeneriert sich am besten ohne menschliche Eingriffe. Er schlägt deshalb vor, mindestens 20 Prozent der deutschen Wälder vollständig unter Schutz zu stellen. Diese Flächen sollten dauerhaft aus der Nutzung genommen werden und sich zu echten Naturwäldern entwickeln können. Die übrigen Wälder könnten weiterhin genutzt werden – allerdings deutlich schonender als heute.
Deutschland hat sich im Rahmen internationaler Biodiversitätsziele vorgenommen, bis 2030 insgesamt 30 Prozent seiner Landfläche unter Schutz zu stellen. Nach Angaben Wohllebens stehen derzeit jedoch lediglich rund 0,6 Prozent der Wälder unter einem strengen Schutzstatus (Stand 2023). Daraus leitet er eine klare Forderung ab: Jetzt ist die Zeit zum Handeln. Weltweit werde die Bedeutung intakter Wälder zunehmend erkannt. Selbst in Ländern, in denen man dies auf den ersten Blick kaum erwarten würde – etwa in Kamerun oder China –, würden groß angelegte Aufforstungs- und Waldschutzprogramme umgesetzt. Dabei komme es nicht nur darauf an, dass aufgeforstet werde, sondern vor allem womit. Die Auswahl standortgerechter und heimischer Baumarten sei entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Wälder.
Fichten- und Kiefernplantagen betrachtet Wohlleben als besonders anfällig für Hitze, Trockenheit und Schädlinge. Stattdessen setzt er auf artenreiche Mischwälder mit heimischen Baumarten wie Buche, Eiche, Ahorn oder Weißtanne. Solche Wälder speichern mehr Wasser, kühlen ihre Umgebung stärker und gelten insgesamt als widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels. Laut Wohlleben brauchen wir keine Bäume aus anderen klimatisch wärmeren Regionen wie Douglasie oder Kalabrische Kiefern, die heimischen Baumarten haben das Potential den Wandel zu schaffen.
Für Wohlleben ist der Waldboden das eigentliche Herz des Waldes. Schwere Forstmaschinen verdichten den Boden, zerstören Pilznetzwerke und schädigen Mikroorganismen, die für das Funktionieren des Ökosystems unverzichtbar sind. Deshalb plädiert er für bodenschonende Bewirtschaftungsmethoden und deutlich weniger Eingriffe.
Damit schließt sich der Kreis zu seiner zentralen These, mit der der Vortrag beginnt: Ein gesunder Wald ist ein funktionierendes Ökosystem – und ein solches Ökosystem besitzt die Fähigkeit, sich weitgehend selbst zu regenerieren.